Fear of missing out (FOMO)

Das unterschätzte Risiko für unsere psychische Gesundheit

FOMO ist ein Akronym für fear of missing out (zu Deutsch: die Angst, etwas zu verpassen). Die Forschung hat erkannt, dass es sich bei FOMO nicht nur um ein lustiges popkulturelles Wort handelt, sondern um ein Phänomen, das psychische Folgen für uns haben kann. Der Begriff wird in der Forschung definiert als "allgegenwärtige Befürchtung, dass andere positive Erfahrungen machen könnten, an denen man selbst nicht teilhaben kann" (Przybylski et al., 2013, p. 1841). Was für entscheidene Merkmale von FOMO interepretiere ich hieraus.

In der Definition wird beschrieben, dass dieses Gefühl allgegenwärtig ist. Handelt es sich etwa um ein kollektives Phänomen? Vielleicht. Der Autor meint damit, dass wir die Angst subjektiv als omnipräsent erleben. Vermutlich könnten wir in systematischen Studien feststellen, dass es sich eher um ein wiederkehrendes als um ein anhaltendes Gefühl handelt und die Dauer innerhalb der jeweiligen Phase sehr variieren kann. Mal langanhaltend, mal kurz. Auch wenn die FOMO kürzer anhält, kann sie uns ganz schön ins Wanken bringen. Warum ist das so? Angst ist ein unangenehmes und verunsicherndes Gefühl mit der psychologischen Funktion, uns auf Gefahren hinzuweisen. Nun könnte man sagen: Was ist nun so schlimm daran, Event XY zu verpassen? Auf welche Gefahren möchte uns die FOMO hinweisen? Runtergebrochen: auf die Gefahr nicht dazuzugehören. 

Nur leider trifft hier unser evolutionär gewachsenes Warnsystem auf einen gesellschaftlichen Lebensstil des Höher, Schneller, Weiter.

Vor Tausenden von Jahren konnten die Vorfahren des Menschen nur in der Gruppe überleben. Nicht Teil der Gruppe zu sein, war lebensbedrohlich. Das hat unser Bedürfnis nach Zugehörigkeit maßgeblich geprägt. So sehr, dass bis heute wissenschaftlich nachweisbar ist, dass sozial eingebundene Menschen zufriedener und länger leben und umgekehrt die soziale Ausgrenzung die Lebensqualität und -dauer reduziert. Dabei ist leider irrelevant, ob die soziale Ausgrenzung tatsächlich erfolgt oder nur erdacht wurde. Unser Warnsystem steckt hirnphysiologisch noch ziemlich in der Steinzeit fest und kann schlecht unterscheiden zwischen: Was ist nun wirklich lebensbedrohlich und was nicht? Deshalb schlägt das System auch an, wenn wir auf Social Media immer wieder scheinbar perfekte Lebensstile und Events präsentiert bekommen. "So MUSST du auch leben, da musst du auch dabei sein, SONST passiert etwas Schlimmes!" Es wird ein so großer innerer Druck kreiert - als würde es um Leben und Tod gehen. Die Psyche differenziert hierbei gar nicht, ob wir die Menschen persönlich kennen, von deren Leben wir scheinbar Teil sein möchten oder ob der Lebensstil überhaupt zu uns passt. An der Stelle kommt mein Lieblingssatz über die Psyche zum Tragen: "Gut gemeint ist nicht, gut gemacht liebe Psyche." Gerade weil unser FOMO-Warnsystem so undifferenziert reagiert, müssen wir einen großen Teil der Gefühlsregulation aktiv selbst übernehmen. Die Psyche braucht unsere Hilfe, um nicht andauernd unter Druck und Stress zu stehen. Wie das bei FOMO konkret funktioniert, kannst du im nächsten Artikel lesen. Mehr zu Stressbewältigung und Emotionsmanagement kannst du in den anderen Blogartikeln lesen.

Kurzversion:

FOMO ist nicht deshalb psychologisch relevant, weil wir Angst haben, eine Party zu verpassen. Es ist relevant, weil unser Bedürfnis nach Zugehörigkeit dafür sorgen kann, dass unser Warnsystem soziale Teilhabe als etwas behandelt, das wir unbedingt sicherstellen müssen. Dies kann zu erhöhtem inneren Druck und Unzulänglichkeitsgefühlen führen, die unsere psychische Gesundheit belasten kann.

Die Definition aus dem ersten Absatz wurde entnommen aus:

Przybylski, A. K., Murayama, K., DeHaan, C. R., & Gladwell, V. (2013). Motivational, emotional, and behavioral correlates of fear of missing out. Computers in Human Behavior, 29, 1841–1848. doi:10.1016/j. chb.2013.02.014

Fear of missing out (FOMO)

Wodurch sie verstärkt wird und wie wir es abpuffern können

Aus psychologischer Sicht kann ich mir gut vorstellen, dass Social Media einen großen Einfluss auf FOMO hat. Social Media - ein Ort, um Kontakte zu pflegen, Wissen zu erweitern und Interessen auszutauschen. Es gibt mehr Interaktionsmöglichkeiten, als man wahrnehmen kann, und die Inhalte erneuern sich sehr schnell. Das kann den inneren Druck und FOMO erhöhen. Die Angst, nicht Teil von etwas zu sein, kann auch dann verstärkt werden, wenn wir feststellen, nicht Teil einer Interaktion zu sein oder sogar negative Reaktionen zu erhalten. Das daraus resultierende Gefühl, nicht dazuzugehören, kann psychischen Stress erhöhen. Die Psyche versucht, das zu kompensieren, indem sie lauter sagt: Schließ dich an, SONST ...!! Ein Teufelskreis aus Unzulänglichkeit und innerem Druck ist entstanden. Fatal ist hierbei auch, dass es sich nicht um ein Annäherungsziel handelt, sondern um ein Vermeidungsziel. Was meint das? Wenn wir ein Annäherungsziel haben, dann wollen wir etwas erreichen. Das passiert nicht aus unregulierter Angst oder Verletzung heraus. Ein Beispiel: „Ich möchte gerne Freunde in der neuen Heimat finden.“ Ein Vermeidungsziel dagegen ist etwas, von dem wir weg wollen. Z. B. „Ich darf mich bloß nicht einsam fühlen, wie damals.“ Wenn wir Vermeidungsziele denken, erhöht sich der innerpsychische Druck. Wir suggerieren unserer Psyche: "ACHTUNG, DAS IST SCHLIMM", und die Angst davor steigt. Stattdessen dürfen wir in einen freundlichen und mitfühlenden inneren Dialog gehen und sanft die Gefühle, die da sind, regulieren. Wenn wir der Angst tatsächlich nachgeben und vermeiden, dann ist das zwar kurzfristig erleichternd, aber langfristig hält das die Angst aufrecht. Das Hirn interpretiert nämlich die kurzfristige Erleichterung so: „Gut, dass ich das vermieden habe – es war tatsächlich gefährlich.“ Dadurch bekommt die Angst jedes Mal ein kleines bisschen mehr Bestätigung. Beim nächsten Mal schlägt der Alarm möglicherweise noch schneller an (Stichwort: Operante Konditionierung). Daher ist die Devise: sich der angstauslösenden Situation schrittweise zu stellen, ohne die gewohnten Vermeidungs- oder Sicherheitsstrategien einzusetzen. Also im Falle der FOMO einzuüben, nicht bei etwas dabei zu sein oder Alleinsein einzuüben. Wenn du das lernen möchtest, begleite ich dich gern schrittweise dabei in meiner Online-Beratung.

Ein weiterer Einflussfaktor, den ich als Psychologin benennen würde, ist der Selbstwert. Ein relevantes Selbstwertmodell dröselt auf, dass sich der Selbstwert aus den Bedürfnissen der Autonomie, Kompetenz und Bindung speist. Wenn die Bedürfnisse nicht befriedet sind und eine Ausgewogenheit besteht, können Selbstwert und mentales Wohlbefinden in ein Ungleichgewicht kommen. Wenn das der Fall ist, greifen wir Menschen gern zur Kompensation. FOMO könnte an der Stelle Ausdruck davon sein, dass unser Bindungsbedürfnis nicht befriedet ist und der Selbstwert eine Schieflage hat. Stärken können wir unseren Selbstwert über alle 3 Komponenten. Ich empfehle, das Bedürfnis zu stärken, was gerade am meisten im Minus steht. Bindung und Geborgenheit findet nicht nur im Kontakt mit Freunden statt. Das können wir auch erleben, wenn wir an dem Duft eines geliebten Menschen riechen, alte Fotos anschauen, mit Tieren in Kontakt sind, anderen Menschen helfen, bei Filmfiguren mitfiebern. Ganz besonders schätze ich die Methode der Imagination. Unser Hirn kann nicht gut unterscheiden zwischen: Was ist wirklich passiert und was habe ich mir „nur“ vorgestellt. Das können wir nutzbar machen. Wenn du Interesse an einer Geborgenheits-Imagination hast, abonniere gern meinen YouTube-Kanal. Genau da wirst du solche Übungen kennenlernen.

Anfälliger für FOMO könnten wir auch sein, wenn unsere Persönlichkeit auf eine bestimmte Weise strukturiert ist. Unsere Persönlichkeit wird zu einem großen Anteil vererbt (40–60 % Heritabilität/genetischer Einfluss) und ist relativ stabil. Das mit am besten empirisch untersuchte Persönlichkeitsmodell ist das Big-Five-Modell. Das Modell erklärt zwar die menschliche Persönlichkeit nicht vollständig, aber ist ein gutes Modell, um grundlegende Persönlichkeitsunterschiede zu unterscheiden. Das sind die Faktoren: Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus. Was das im Detail bedeutet, können wir gern in einer Beratung besprechen. Für FOMO relevant ist an der Stelle die Extraversion und der Neurotizismus. Extravertierte Menschen sind Menschen, die eher stark nach außen orientiert und gesellig sind und ihre Energie eher im Kontakt mit anderen Menschen aufladen. Neurotische Menschen sind Menschen, die stärker zu negativen Emotionen neigen (z. B. Ängste, Stress und Unsicherheit). Du kannst dir sicherlich nun vorstellen, warum ich als Psychologin die Vermutung habe, dass die Persönlichkeit einen Einfluss auf die fear of missing out hat.

Wenn die Lebenszufriedenheit und Stimmung geringer ist und wir ggf. unter Stress und Anspannung leiden, kann uns das auch für FOMO anfälliger machen. Denn wenn wir gestresst oder ängstlich sind, richtet sich unsere Aufmerksamkeit verstärkt auf Informationen, die für die Bedrohung relevant sind. Das nennt man attentional bias (aufmerksamkeitsbezogene Verzerrung). Dadurch kann ein Kreislauf entstehen von: Stress → stärkere Aufmerksamkeit für Bedrohliches → die Party XY → nicht hingehen bedeutet Ausschluss → FOMO → mehr wahrgenommene Bedrohung → noch mehr Stress.

Einflussfaktor könnte auch ein sichselbstaufrechterhaltendes Element der FOMO sein. Die Unachtsamkeit. In dem Moment, wo ich FOMO erlebe, bin ich nicht im "Hier & Jetzt". Ich bin primär in der Zukunft. Was könnte, sollte, müsste...Was wäre wenn.... In dem Moment, wo mein Erleben auf diese Ebenen gerichtet ist, kann ich gar nicht bemerken, was ich schon habe, wofür ich dankbar sein kann. Um einer solchen Getriebenheit nicht auf dem Leim zu gehen, lohnt es sich eine Achtsamkeitspraxis zu etablieren. Wie du das machen kannst, kannst du auf meinem Youtube-Kanal lernen. Schau gern vorbei!

Wenn du aus diesem Kreislauf austreten willst, empfehle ich dir, Entspannungsverfahren in deinen Alltag zu integrieren, um dein allgemeines Anspannungsniveau herabzusetzen. So bist du gewappneter gegenüber einem FOMO-Sog. Welche Entspannungsverfahren für dich sinnvoll sind und wie du sie praktizieren solltest, erzähle ich dir gern in einer Sitzung.

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